Dem Waldglas auf der Spur

Nassfeld - Pressegger See | Lesachtal | Weissensee

Tscherniheim – das verschwundene Dorf

Am Südufer des Weißensees nimmt ein langes und dennoch verstecktes Tal seinen Ausgang. Der enge Graben, der sich unterhalb der Spitzegelgruppe nach Osten zieht, wird vom Tscherniheimer Bach durchschnitten. Ein breiter, für den Verkehr gesperrter Weg verbindet die Bootsanlegestelle am Paterzipf mit der schönen Bodenalm. Auf der Wanderung zur ebenfalls bewirtschafteten Fischeralm gelangt man auf eine große Lichtung. Eine einsame Kapelle erinnert hier an das verschwundene Dorf Tscherniheim.

"Hier auf 1100 Metern Seehöhe befand sich einst die erste und damit älteste Glashütte  Kärntens. Bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden hier alle Arten von Glas erzeugt, Fensterglas genauso wie kunstvoll geblasenes Geschirr für Kunden mit dem etwas größeren Geldbeutel. Alle Zutaten, die man für die Herstellung von Glaserzeugnissen benötigte, fand man hier in großen Mengen", erzählt Robert. Der Naturpark Ranger ist im Sommer jeden Donnerstag vor Ort, um den Besuchern von der erstaunlich bewegten Geschichte dieser versteckten Almwiese zu erzählen.

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© Martin Marktl / Eine Kapelle erinnert an die Waldglashütte

Buchenholz, Pottasche & Quarzsand

"Entscheidend für die Wahl des Standortes, der einst nur von der Ostseite des Weißensees auf einer holprigen Straße erreicht werden konnte, war der immense Holzreichtum", erzählt Robert weiter. "Aus dem Holz wurde Pottasche gewonnen. Außerdem benötigte man Quarzsand, von dem es im Tscherniheimer Bach genügend gibt. Beides wurde vermischt, erhitzt und von Verunreinigungen befreit. Geschmolzen wurde das Gemisch bei etwa 1200 Grad Celsius. Bis das Glas zur Weiterverarbeitung geeignet war, vergingen etwa 18 Stunden. Dann wurden die Glasmacher geweckt – egal, wie spät es gerade war."

 

Archäologiestätte Tscherniheim

Vor drei Jahren haben Archäologen einen erstaunlich gut erhaltenen Schmelzofen freigelegt und restauriert. Robert zeigte uns auf einer Schautafel die einzelnen Verarbeitungsschritte.  Während der Grabungsarbeiten war er der "Verbindungsoffizier" vor Ort, sodass er sich heute beinahe genauso gut mit der Glasverarbeitung auskennt wie die fleißigen Tscherniheimer damals.
© Martin Marktl / Fachkundig restaurierter Schmelzofen

Dem Waldglas auf der Spur

Das Waldglas erhielt seinen Namen nicht aufgrund der Produktionsstätte, sondern wegen seinem Farbton. Mit dem beigemengten Glas kamen auch Eisenoxide mit ins Gemisch, die dem Glas den typischen Grünstich gaben. Aus diesem Waldglas wurden früher Butzenscheiben hergestellt, im Volksmund auch Flaschenboden genannt. Diese Scheiben wurden in den Städten in Blei gefasst und so zu Fenstern verarbeitet. Erst viel später wurde Fensterglas gewalzt.

Die runden Scheiben kann man heute noch beispielsweise in Kirchen bewundern. Neben Fensterglas wurden in den Wäldern von Tscherniheim Trink- und Tafelgläser geschliffen, aber auch Luster, Schüsseln oder sakrale Gegenstände hergestellt. Die Waren wurden von Glasträgern in Stroh verpackt und auf Saumpfaden aus dem Tal gebracht. Die Erzeugnisse wurden wegen ihrer Qualität überall in Europa geschätzt.

Im hintersten Winkel daheim

Etwa 40 Menschen hatten in Tscherniheim ihren ständigen Arbeitsplatz. Gemeinsam mit ihren Familien wohnten sie in den 25 Häusern, die man 1875 zählte. Daneben gab es eine Schule, eine Kapelle und sogar ein Gasthaus. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Eisenbahn auch durch Kärnten fuhr, bedeutete dies das Ende für das kleine, versteckte Dorf. Zwischen Tscherniheim und der nächsten Bahnhaltestelle lagen 28 unwegsame Fahrkilometer. Da hatten es andere Standorte besser – weshalb die Glasprodukte aus Tscherniheim mit der Konkurrenz nicht mehr mithalten konnten. Nur wenige Jahre später wurde der Ofen endgültig ausgeblasen.
© Martin Marktl / Der Blick in den Ofen ist gleichzeitig ein Blick in die Geschichte der Waldglaserzeugung

Spurensuche in Tscherniheim

Wer selbst auf Schatzsuche gehen möchte, wird in Tscherniheim mit großer Wahrscheinlichkeit auch heute noch fündig. Da die Glasträger von ihren Reisen kaputtes Glas zurückbrachten, welches in Tscherniheim erneut eingeschmolzen wurde, waren naturgemäß auch viele Scherben im Spiel, die man mit der gebotenen Aufmerksamkeit auch heute noch finden kann.
Bilder und Text: Martin Marktl / 07.08.2017

 

INFO – Dem Waldglas auf der Spur
 

Termine: Von 8. Juni bis 21. September 2017 jeweils am Donnerstag von 11 bis 14 Uhr
Info: Jeden Donnerstag ist Naturpark Ranger Robert Röbl bei der Ausgrabungsstätte Tscherniheim vor Ort. Vor Ort erfahren Sie mehr über die Entstehung und das Leben rund um das Waldglas. Der Naturpark Ranger führt sie durch Aufstieg und Ende der Waldglasproduktion in Kärnten.
Kosten: Teilnahme für Einheimische oder mit Gästekarte Weissensee oder Erlebnispass Mobil+ gratis, ohne Karte 5 Euro.
Sonstiges: Einkehrmöglichkeiten bei den Almwirtschaften entlang der Route. Es gibt auch die Möglichkeit, eine Kutschenfahrt vom Ostufer auf die Alm zu buchen. Info und Anmeldung unter Tel. 0043 676 8708409

Kontakt:
Weissensee Information
http://www.weissensee.com
E-Mail: info@weissensee.com
Tel.: 0043 4713 2220-0

Autorenvorstellung: Martin Marktl

Ich bin Alpinjournalist und Wanderbuchautor ... weil ... ich dank meines Traumberufes den ganzen Sommer über die Berge ziehen kann. In meiner Freizeit verbringe ich viel Zeit mit allem, was mit Weitwandern zu tun hat - egal ob aktiv oder passiv.

 

Das besondere an der Kärntner Natur ist für mich der Gegensatz zwischen der Bergwelt an den Landesgrenzen und der Seenlandschaft in der Mitte. Mein Lieblingsplatz in der Natur ist ein guter Zeltplatz - mit einem Lagerfeuer davor. Mein Lieblingsgericht aus der Kärntner Küche sind die Fleischnudel meiner Mutter.

 

Lieblingszitat: “Everywhere is within walking distance - if you have the time.“

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